
Der Traum vom neuen Menschen
Totalitäre Ideologien begnügen sich nicht damit, das Zusammenleben der Menschen zu ordnen. Sie wollen den Menschen selbst verändern. Dazu benötigen sie nicht nur politische Macht, sondern auch eine Lehre, die ihren Machtanspruch als wissenschaftliche Erkenntnis erscheinen lässt.
Der Nationalsozialismus stützte seine Rassenpolitik auf eine «wissenschaftliche» Rassenlehre. Menschen wurden nach vermeintlich biologischen Merkmalen eingeteilt, bewertet und hierarchisch geordnet. Politische Willkür erschien dadurch nicht mehr als Willkür, sondern als notwendige Folge angeblicher Naturgesetze. Wer die Ideologie infrage stellte, widersprach aus Sicht des Regimes nicht bloss einer politischen Überzeugung, sondern einer «objektiven Wahrheit».
Der Kommunismus erklärte den Klassenkampf zum unumstösslichen Gesetz der Geschichte. Die Einteilung der Menschen in unterdrückte und unterdrückende Klassen galt nicht als politische Deutung, sondern als wissenschaftlich erwiesene Erkenntnis. Wer einer als ausbeuterisch definierten Klasse angehörte, wurde zum Gegner des geschichtlichen Fortschritts erklärt. Enteignung, Verfolgung und Gewalt konnten so als notwendige Schritte auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft gerechtfertigt werden. Wie andere Diktaturen verlieh auch der Kommunismus seinen ideologischen Werturteilen den Anschein objektiver Wissenschaftlichkeit.
Die Ideologien unterschieden sich in ihren Zielen, Feindbildern und historischen Verbrechen. Gemeinsam war ihnen jedoch eine bestimmte Methode: Das politisch gewünschte Ergebnis stand von Anfang an fest, und die angebliche Wissenschaft hatte es zu «bestätigen». Widersprechende Tatsachen wurden ausgeblendet, Begriffe ideologisch umgedeutet und Kritiker nicht sachlich widerlegt, sondern moralisch und politisch verdächtigt.
Genau darin zeigt sich der Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Wissenschaft stellt eine These auf und prüft ergebnisoffen, ob sie den Tatsachen standhält. Sie legt ihre Methoden offen, lässt Gegenargumente zu und muss bereit sein, ihre Annahmen zu korrigieren oder aufzugeben. Eine wissenschaftliche Aussage muss überprüfbar und grundsätzlich widerlegbar sein.
Pseudowissenschaft geht den umgekehrten Weg. Ihr Ergebnis steht von Anfang an fest; Tatsachen werden ausgewählt, ausgeblendet oder umgedeutet, bis sie zur gewünschten Aussage passen. Widerspruch führt nicht zur Überprüfung der Theorie, sondern zur Abwertung des Kritikers. Die Pseudowissenschaft übernimmt die Sprache und das Ansehen der Wissenschaft, ersetzt deren offene Erkenntnissuche jedoch durch die Bestätigung eines vorgegebenen Weltbildes. Sie dient damit nicht mehr der Erkenntnis, sondern der Rechtfertigung politischer Ziele.
Auch die heutige Queer- und Identitätspolitik nimmt pseudowissenschaftliche Züge an, wenn sie umstrittene Annahmen über Geschlecht und Identität zu unantastbaren Wahrheiten erklärt. Wenn politische Annahmen über Geschlecht und Identität nicht mehr offen geprüft werden dürfen, biologische Tatsachen hinter sprachlichen Definitionen zurücktreten und Widerspruch bereits als Angriff auf Menschen gilt, wird aus einer diskutierbaren Hypothese eine Glaubenslehre mit wissenschaftlichem Anspruch.
Die Pseudowissenschaftlichkeit erfüllt dabei eine entscheidende politische Funktion: Sie verwandelt Forderungen und Werturteile in scheinbar zwingende Notwendigkeiten. Wer widerspricht, erscheint nicht mehr als Bürger mit einer anderen Auffassung, sondern als rückständig, unwissend oder gefährlich. Auf diese Weise lassen sich Sprachvorschriften, Gesinnungsprüfungen und institutioneller Zwang als blosse Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse darstellen.
Darin zeigt sich erneut der alte Traum vom neuen Menschen: Politik, Bildung und Medien sollen nicht mehr nur informieren oder Regeln für das friedliche Zusammenleben vermitteln. Sie sollen Sprache, Denken und Wahrnehmung verändern. Gewünschte Haltungen werden moralisch belohnt, während abweichende Auffassungen nicht als legitimer Widerspruch, sondern als charakterlicher Mangel gelten.
Neue gesellschaftliche Theorien, gesellschaftlicher Wandel und der Schutz von Minderheiten sind für sich genommen keineswegs totalitär. Die entscheidende Grenze wird dort überschritten, wo eine politische Lehre nicht mehr hinterfragt werden darf und der Staat beginnt, sie durch Schulen, Universitäten, Medien und Verwaltung als verbindliches Menschenbild durchzusetzen. Dann regelt er nicht mehr nur das Verhalten seiner Bürger, sondern erhebt Anspruch auf ihr Denken und ihr Bewusstsein.
Der freie Mensch braucht keinen Staat, der ihn nach einer «wissenschaftlichen Formel» neu erschafft. Er braucht die Freiheit, selbst zu denken, zu prüfen, zu zweifeln, zu widersprechen und Fehler zu machen. Die Geschichte lehrt, besonders jenen politischen Lehren zu misstrauen, die ihre Werturteile als wissenschaftliche Gewissheiten ausgeben.