
Argentinien im November 2025
Schon seit längerem interessiere ich mich für die Geschichte und Politik Argentiniens. Nun war die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes seit der Regierungszeit von Javier Milei ein Motiv, diese auch vor Ort zu erleben. Was ist aus dem bis etwa 1950 fünftreichsten Land der Welt geworden, das mit dem Export von Fleisch, Wolle und anderen landwirtschaftlichen Produkten reich geworden ist?
Der Umstand, vier Wochen allein und auf eigene Faust unterwegs zu sein, erleichterte den Kontakt mit Einheimischen und anderen Reisenden. Die Argentinier sind überaus freundlich, offen und warmherzig und man kommt schnell in Kontakt mit ihnen. Die Gespräche fanden meistens auf Englisch, zweimal auch auf Deutsch statt. Auf einer Estancia habe ich mich einen Abend lang mit einem Koch und der Küchenhilfe über ihre Lebenssituation, ihre Arbeitsbedingungen und ihren Lohn informieren können. Da beide nur Spanisch sprachen und meine rudimentären Kenntnisse in dieser Sprache nicht ausreichten für eine Diskussion über ökonomische Gegebenheiten, haben wir uns mit Hilfe von Online-Übersetzungsprogrammen auf unseren Handys ausgetauscht. Die beiden einfachen aber intelligenten Menschen haben mir meine Fragen bereitwillig und unterlegt mit konkreten Zahlen beantwortet. Die hier wiedergegebenen persönlichen Eindrücke sind subjektiv. Allerdings habe ich Zahlen und Daten überprüft und Aussagen verifiziert.
Milei, die Kettensäge
Eine Woche vor meiner Abreise hat am 26. Oktober Javier Milei und seine Partei La Libertad Avanza in Zwischenwahlen mit 41 Prozent der Stimmen einen Wahlsieg errungen. Die Abstimmung, bei der die Hälfte der Abgeordnetenkammer und ein Drittel des Senats neu besetzt wurden, galt zur Halbzeit von Mileis Präsidentschaft auch als Stimmungstest. Damit verfügt Milei gemeinsam mit seinen Partnern zumindest über ein Drittel der Mandate – ein Quorum, das er benötigt, um sein präsidentielles Veto gegen Parlamentsbeschlüsse zu verteidigen. Im Senat holte La Libertad Avanza zwölf zusätzliche Sitze und verfügt künftig über 18 von 72 Senatoren aus den eigenen Reihen1.
Die Mainstreammedien in der Schweiz vermeldeten den Wahlerfolg des »verstrubelten Kettensäge-Monsters«2 missgelaunt und gar als Pyrrhussieg3, so ganz nach dem Motto: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Die Attribute wie »ultrarechts«, »libertär«, »rechtspopulistisch«4 oder »ultrabrachial« mit denen Milei und seine Politik apostrophiert werden, sind allemal negativ konnotiert.
Andere Argentinenreisende aus Italien, Deutschland und England, mit denen ich gesprochen habe, sind einhellig der Auffassung, dass die linksorientierten Mainstreammedien in Europa Mileis Politik nicht fair darstellen.
Die erhobene Kettensäge, mit der Milei an Wahlveranstaltungen aufgetreten ist, gilt den Journalisten hierzulande als Symbol für einen sozialen Kahlschlag, für den Abbau von Sozialleistungen, für wirtschaftliche Deregulierung und tausende von Entlassungen. Das ist missverständlich.
Erstens hat Milei klar gemacht, dass er die Säge an der grassierenden Korruption und an der ausufernden staatlichen Bürokratie ansetzen will. Mehrfach habe ich von Argentiniern die Aussage vernommen, die Hälfte des nationalen Bruttosozialprodukts beruhe auf Korruption. Das mag übertrieben sein, aber im Volk herrscht die Meinung vor, dass viele Unternehmer und vor allem die Politiker bis ins Mark korrupt sind und einzig das Ziel hätten, sich auf Kosten der Bevölkerung zu bereichern.
Zweitens vermelden die hiesigen Medien Mileis Absichtserklärungen von Sparmassnahmen, Aufhebung von Ministerien und Deregulierungen als erfolgte Realität und unterschlagen, dass das Parlament ihre Umsetzung teilweise verhindert hat. Am 30. Januar 2025 machte das oberste Gericht zudem die gesamte Arbeitsmarktreform Mileis rückgängig, da sie nicht ohne Beteiligung des Parlaments beschlossen werden könne.5
Ich habe während meiner Reise über Milei und seine Politik nur positive Äusserungen vernommen. Allerdings haben sich einige Gesprächspartner nicht auf eine Diskussion darüber einlassen wollen, was wohl auf eine diesbezüglich ablehnende Einstellung gegenüber Milei schliessen lässt. Mehrfach wurde in den Gesprächen betont, er sei der erste Präsident seit langem, der nicht aus der »aristokratischen« und reichen Oberschicht Argentiniens stammt. Die Vorfahren der vorangegangenen Präsidenten – und Präsidentin – waren stets seit Generationen einflussreiche Politiker und Unternehmer, deren Familien das Land während Jahrzehnten im Griff hatten. Milei nennt sie »die politische Kaste nutzloser parasitärer Politiker, die nie gearbeitet haben.«6 Als Javier 1970 zur Welt kam, war sein Vater Busfahrer, der den Knaben körperlich massiv züchtigte. Milei sei der erste Präsident, so hörte ich, der nicht sich, seine Familie und seine Entourage bereichern wolle; er würde sich nichts aus Geld, teuren Autos und schönen Villen machen, wie die meisten seiner Vorgänger.
Die »Effizienz« der Bürokratie
Der bürokratische Schlendrian, dem Milei den Kampf angesagt hat, ist virulent. Dazu ein Beispiel: Die argentinische Nationalbank (Banco nacional de Argentina) unterhält am nationalen Flughafen von Buenos Aires drei Schalter, an denen man ausschliesslich Geld wechseln kann. Vor diesen hatte sich eine Warteschlange von gut zwanzig Leuten gebildet. In 50 Minuten können an den drei Schaltern gerade einmal zwölf Leute ihr Geld in argentinische Peso wechseln. An einem Schalter hat sich ein Angestellter installiert, der während einer Viertelstunde trotz Warteschlange keinen einzigen Kunden bedient, sondern sich vergnügt mit dem Personal im Hintergrund unterhält. Um läppische 50 US-Dollar, die gängigste Fremdwährung, in Peso zu wechseln, wird meine Passnummer und andere Angaben im Pass von Hand (!) abgeschrieben und ein A4-Formular ausgefüllt. Der Vorgang dauert etwa acht Minuten und nachdem ich fast eine Stunde gewartet habe, wünschte ich mir, die Kettensäge wäre hier schon einmal zum Einsatz gekommen.
Der Gerechtigkeit halber muss ich anmerken, wie viele fleissige und arbeitsame Frauen und Männer ich auf meiner Reise angetroffen habe. Auch in der Privatwirtschaft begegnet einem manchmal Ineffizienz: Die einzige Apotheke in El Chalten in Patagonien sollte gemäss Anschlag am Eingang um 09.00 Uhr öffnen. Um 09.25 Uhr kommt die Apothekerin angeradelt und schliesst den Laden auf, vor dem bereits fünf Leute bei 3 Grad Celsius warten. Sie hat weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung für die Verspätung, die normal zu sein scheint.
Die Zerstörung des Wahlfahrtsstaates?
Unsere Medien kolportieren die Ansicht, Präsident Milei würde die Sozialleistungen abbauen und die Errungenschaften der sozialen Sicherung rückgängig machen. Am Beispiel des Gesundheitswesens soll das näher angeschaut werden.
In Argentinien ist das öffentliche Gesundheitssystem für alle kostenlos. Für umgerechnet 29 CHF pro Monat gibt es einen zusätzlichen Versicherungsgrundschutz, einen erweiterten Schutz gibt es für rund 54 CHF pro Monat, einen Premiumschutz für 73 CHF, der mehr Komfort und eine schnellere Behandlung in Privatpraxen garantiert. In grösseren Firmen übernimmt der Arbeitgeber diese Krankenkassenprämien. Jeder Patient wird in staatlichen Spitälern nach wie vor kostenlos versorgt, auch wenn er keine Versicherung hat!
Nun hat Milei verfügt, dass Ausländer, die wegen diesen Gratisbehandlungen aus anderen südamerikanischen Ländern nach Argentinen angereist kommen, einen Beitrag an die Leistungen für Untersuchungen und Spitalaufenthalte bezahlen müssen.
Wie sieht es damit aus? In El Chalten habe ich mit dem Verdacht auf eine Lungenentzündung das kleine Spital aufgesucht, wo der einzige Arzt im Ort praktiziert. Er hat mich während 35 Minuten gründlich untersucht und mir ein Rezept ausgestellt. Als Ausländer habe ich diese Konsultation bezahlen müssen – sie hat umgerechnet 6 Franken und 70 Rappen gekostet! Seit der Einführung dieser Taxen seien die ambulanten und stationären Spitaleintritte in Argentinien um 45% zurückgegangen. Zerstörung des Sozialstaates? In der Schweiz bezahle ich, in der Kategorie »allgemein versichert« rund 7’000 Franken Krankenkassenprämien pro Jahr und bekomme eine Franchise sowie jeweils eine Kostenbeteiligung von 10 Prozent verrechnet. Auch unter Berücksichtigung des sehr hohen Standards der medizinischen Versorgung in der Schweiz sowie der sehr viel tieferen Löhne in Argentinien und der relativ hohen Lebenshaltungskosten dort kann von einem Kahlschlag im argentinischen Sozialwesen nicht die Rede sein.
Lebenshaltungskosten
Ebenso wie das Gesundheitswesen waren auch der Schulunterricht und die weiterbildenden staatlichen Schulen für alle, Argentinier und Ausländer kostenlos, angeblich ein Grundprinzip der Bildung als universelles Recht. Die Universidad de Buenos Aires bietet Studiengänge ohne Gebühren an, was diese für bis zu 90’000 Studierenden aus dem Ausland attraktiv macht.
Es ist nicht einzusehen, warum ausländische Studenten auf Kosten der argentinischen Steuerzahler ein Studium absolvieren können, sogar wenn sie selbst aus wohlhabenden Familien stammen. Das will Milei nun ändern, indem ausländische Studierende künftig Semestergebühren bezahlen sollen. Die heute, 7. Dezember 2025, über deren Höhe befragte KI gibt mit 6’000 bis 11’000 ARS pro Jahr ( = CHF 3.30 bis 6.05) vermutlich nicht gültige Zahlen an, aber im Hinblick auf die Höhe der neu eingeführten Gebühren im Gesundheitswesen dürften auch die Studiengebühren für Ausländer moderat ausfallen. Private Universitäten verlangen, wie überall auf der Welt, entsprechend höhere Gebühren, in Argentinien zwischen 3’000 und 20’000 US$.
Dabei ist zu sagen, dass das Lehrpersonal auf allen Stufen sehr wenig verdient. Der Minimallohn für Lehrer beträgt umgerechnet rund 480 CHF. Auf der höchsten Altersstufe und mit einem maximalen Pensum beträgt der Lehrerlohn zirka 960 CHF pro Monat. Der Durchschnittslohn in Argentinien betrug im 2. Quartal 2025 1’483’740 ARS ( = CHF 816.05, was in etwa der einige Male gehörten Aussage entspricht, der Durchschnittslohn betrage 1’000 US$).
Die minimalen Lebenshaltungskosten betragen je nach Region und Lebensstil für Einzelpersonen ca. 450 bis 800 CHF, für Familien mindestens 1’600 CHF.
Es ist daher nachvollziehbar, wenn vor allem das ausserordentlich schlecht bezahlte Personal im Gesundheits- und Erziehungswesen mit Mileis Politik nicht einverstanden ist und zu Protestmärschen aufruft. Tatsächlich ist deren wirtschaftliche Situation prekär und der verfügte Lohnstop für viele Familien eine existenzielle Bedrohung. Das Gleiche gilt auch für die Rentner. Ihre Mindestrente beträgt aktuell rund 225 CHF pro Monat, was weit unter der Armutsgrenze liegt.
Unumwunden wird zugegeben, dass es in allen Sektoren viel Schwarzarbeit gibt und die Mehrwertsteuer von 21% umgangen wird.
Nur dank Korruption und illegalen Tätigkeiten sei es möglich, meinte eine politisch versierte Fremdenführerin, dass ein Professor es sich leisten könne, von einem Privatchauffeur zu seinen Vorlesungen an der staatlichen Universität gefahren zu werden. Es sei nur richtig, wenn Milei auch hier der Korruption den Kampf ansage.
Die alles zerfressende Inflation
Das dominierende Thema im Hinblick auf die ökonomische Situation des Landes ist die Inflationsrate, die bis vor kurzem eine der höchsten weltweit war. Gegenüber den Preisen von 1981 beträgt die Preissteigerung unvorstellbare 7’610’200’025’268 % resp. entspricht einem Wertzerfall von 99.999999999%6 Oder umgekehrt: Wenn ein Artikel im Jahr 1980 einen Preis von 100 Peso hatte, so kostete er zu Beginn des Jahres 2025 aufgrund der Inflation also mehr als 7’610 Millionen Peso.
Eine derartige Inflation pulverisiert Ersparnisse und Renten vollständig, verhindert Investitionen und erschwert den Aussenhandel. Ich war daher darauf gefasst, Hotelrechnungen und Konsumationen in der in Argentinien kursierenden Parallelwährung US-Dollar bezahlen zu müssen. Doch da habe ich mich getäuscht. Es gab in diesem Monat nur drei Ausnahmen von der Bezahlung in argentinischen Peso. Überall wurde sauber in der Landeswährung mit Quittung abgerechnet, auf der auch die hohe Mehrwertsteuer ausgewiesen war. Die erwähnten Ausnahmen war die Miete eines Appartements, das via Paypal in Dollar abrechnete, ein von einer deutschen Managerin geführtes Hotel der gehobenen Klasse, das sich den Betrag auf eine Bank in den USA überweisen liess um die Mehrwertsteuer zu umgehen sowie ein von diesem Hotel engagierter Taxifahrer, der in Dollar bezahlt werden wollte, am Schluss aber auch argentinische Peso an Zahlung nahm.
Im Jahr 2023 betrug die Inflation noch über 200 Prozent. Nach den Wahlen Ende Oktober 2025 legte der Peso erstmals seit Jahrzehnten einige Prozent an Wert zu. Und in der Zeit meines Aufenthalts im Land ist der Peso erstmals seit vielen Jahren gegenüber dem Schweizer Franken nicht weiter gesunken und hat sich bei rund CHF 0.558 pro 1’000 ARS eingependelt. Die Kommentare in den deutschsprachigen Medien nach den Wahlen haben Mileis Erfolg heruntergespielt und gemäkelt, sein Wahlsieg sei nur der Zusage von Donald Trump zu verdanken, Argentinien bei einem Erfolg Mileis einen Kredit von 20 Milliarden US$ gewähren zu wollen. Ob diese Finanzspritze auf das Wahlergebnis einen Einfluss hatte, ist nicht festzustellen. Hingegen darf angenommen werden, dass sie der Stabilität des Peso zugute gekommen ist. Es wird interessant sein zu verfolgen, ob die verminderte Inflation nun auch der zum Teil brachliegenden Industrie und maroden Wirtschaft des Landes wieder auf die Beine hilft.
Die Israel-Connection
Die News-Seite »Israelnetz« hat am 26. November 2025 bekannt gegeben, Argentinien werde seine Botschaft in Israel nach Jerusalem verlegen und die Zusammenarbeit mit Israel in den Bereichen Wasserwirtschaft und Cybersicherheit verstärken.7 Javier Milei ist schon mehrmals nach Israel gereist und gilt als persönlicher Freund von Benjamin Netanjahu.
»Milei lässt sich laut eigenen Angaben gegenwärtig von einem Rabbiner in der Tora unterrichten. Gegenüber der spanischen Tageszeitung El País gab er an, einen Übertritt zum Judentum in Erwägung zu ziehen (…) Mitte Juli 2023 hatte Milei auch das Grab des bedeutenden chassidischen Rabbiners Menachem Schneerson in New York besucht, der eine prononciert orthodoxe Richtung des Judentums angeführt hat.« 8
Es darf mit Fug und Recht davon ausgegangen werden, dass Mileis Besuche in Israel zu weiteren Deals geführt haben, die auch die militärische »Zusammenarbeit« zwischen den beiden Ländern und den Austausch von Rüstungsgütern intensivieren. Zweimal habe ich in den Gesprächen gehört, Israelis würden aktuell Ländereien und Industrieanlagen in Argentinien erwerben. Das zu verifizieren ist mir nicht möglich und so muss offen bleiben, ob diese Information der Wahrheit entspricht oder ein Gerücht ist.
Der Fahrer, der mich für den Rückflug während gut zwei Stunden zum Flughafen nach Buenos Aires gebracht hat, meinte zum Schluss unserer Diskussion: »Ich liebe Milei nicht. Aber er ist der Einzige, der Argentinien nach Jahren des wirtschaftlichen und politischen Chaos wieder auf Vordermann zu bringen versteht. Dafür wird er oder seine möglichen Nachfolger 15 Jahre benötigen, falls sie dieses Land in seinem Sinne weiterregieren. Das ist unsere einzige Chance.«
7. Dezember 2025 Arnold Fröhlich
Quellen:
2 https://www.nebelspalter.ch/themen/2025/10/die-kettensaege-saegt-weiter-milei-gewinnt-die-wahlen
3 https://www.infosperber.ch/politik/welt/argentinien-wahl-mileis-triumph-oder-pyrrhussieg/
4 / 5 / 8 https://de.wikipedia.org/wiki/Javier_Milei
6 https://www.laenderdaten.info/Amerika/Argentinien/inflationsraten.php
7 https://www.israelnetz.com/milei-argentinische-botschaft-wird-im-fruehjahr-nach-jerusalem-verlegt/
https://de.wikipedia.org/wiki/Mauricio_Macri
https://amerika21.de/2024/03/268444/argentinien-milei-neoliberaler-schock