Täglich grüsst das Murmeltier – Die Prämienfalle in der Schweiz

Die Krankenkassenprämien steigen Jahr für Jahr. Politiker versprechen Entlastung, die Medien verkünden Schreckensmeldungen – und wir alle wissen: nächstes Jahr kommt wieder dasselbe Theater. Es ist wie im Film ‘Und täglich grüsst das Murmeltier’.

Historischer Hintergrund

Bis 1996 war die Krankenversicherung in der Schweiz freiwillig. Wer wollte, konnte sich absichern – wer nicht wollte, riskierte es. Die Landschaft war bunt: 1965 existierten fast 1000 Krankenkassen, 1990 immerhin noch 245. Viele waren genossenschaftlich, kirchlich oder lokal organisiert. Kurz: Es gab Wettbewerb, Vielfalt und auch die Freiheit, es bleiben zu lassen. Die Versicherungen konnten die Leistungen selber gestalten.

Dann kam das Krankenversicherungsgesetz (KVG). Am 1. Januar 1996 trat es in Kraft, getragen von SP, Grünen und CVP, mit Unterstützung eines Teils der FDP. Die Parolen klangen verlockend: „Solidarität für alle! Sicherheit für alle! Bezahlbar für alle!“ Gegner warnten vor Kostenexplosion und Zwangssozialismus, doch sie wurden als unsolidarisch abgetan.

Die Folgen sind längst bekannt: Seit 1996 haben sich die Prämien mehr als verdoppelt, während die Löhne nur um etwa 20 bis 30 % gestiegen sind. Die Zahl der Kassen schrumpfte dramatisch, heute sind es nur noch wenige Konzerne. Und obwohl sie verschiedene Namen tragen, verkaufen sie alle dasselbe Produkt: eine staatlich regulierte Grundversicherung. Einheitskasse mit vielen Logos.

Die Situation heute

Jedes Jahr berechnen die Kassen ihre Prämien. Doch frei sind sie dabei nicht. Jede Berechnung landet auf dem Tisch des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Dort wird geprüft, korrigiert und genehmigt. Erst danach dürfen die Zahlen veröffentlicht werden. Unterschiede gibt es nur nach 43 Prämienregionen, nach Alter und nach Modellwahl (Hausarzt, HMO, Telmed). Einkommen, Risiko oder Lebensstil spielen keine Rolle.

Die Kostenentwicklung zeigt das Ausmass: Von durchschnittlich rund 4’000 Franken pro Kopf 1996 auf über 8’000 Franken 2023. Eine Verdoppelung. Und weil die Prämien das nicht mehr allein tragen, füllt der Staat die Lücken mit Subventionen. Rund ein Viertel der Bevölkerung erhält heute Prämienverbilligungen – bezahlt aus Steuergeldern. Das heisst: Wir zahlen doppelt, über Prämien und über Steuern.

Wohin fliesst das Geld konkret?

  • In die medizinischen Leistungen: Spitäler, Ärzte, Medikamente, Pflege.
  • In die Tarifstrukturen: jedes Röntgenbild, jede Blutuntersuchung wird nach festem Muster abgerechnet.
  • In die Verwaltung der Versicherungen: riesige Back-Offices, Abrechnungszentren, Marketingbudgets.
  • In Zusatzgewinne: denn bei der Grundversicherung sind Margen klein, aber Zusatzversicherungen sind hochprofitabel – und die Kunden bleiben, weil sie ohnehin im System gefangen sind.

Das Ergebnis: Alle Akteure profitieren irgendwie – Ärzte und Spitäler von garantierten Zahlungen, Versicherer von gesichertem Geschäft.

Und obendrauf die Politik und Bürokratie: Beamte im BAG, kantonale Stellen, Kommissionen und Arbeitsgruppen, die sich im Labyrinth der Regulierung bestens eingerichtet haben.

Nur einer verliert sicher: der Prämienzahler.

Das Problem

Das Grundversicherungssystem ist eine Einheitskasse im Schafspelz. Wettbewerb? Illusion. Alle Produkte sind gleich, Unterschiede gibt es nur im Logo. Versicherer müssen sich nicht anstrengen – sie reichen die Kosten einfach weiter. Ärzte und Spitäler haben keinen Anreiz zur Zurückhaltung, denn jede Behandlung bringt Umsatz. Patienten sind abgesichert und konsumieren, weil es ohnehin bezahlt wird. Und die Politik verteilt grosszügig Subventionen, feiert sich dafür als Retter – und vergisst zu erwähnen, dass sie selbst der Hauptverursacher der Kostenexplosion ist.

Kurz: Ein perfekter Kreislauf, in dem alle profitieren – Versicherer, Ärzte, Spitäler, Bürokraten, Politiker. Nur einer verliert garantiert: der Prämienzahler.

Die Lösung

Die Wahrheit ist unbequem: Mit noch mehr Staat lässt sich dieses System nicht retten. Jeder weitere Eingriff verschärft nur das Problem. Die einzige Lösung heisst: Freiheit.

  • Kein Obligatorium mehr: Jeder entscheidet selbst, ob und wie er sich versichern will.
  • Kein Leistungskatalog: Versicherer entwickeln ihre eigenen Produkte. Kunden wählen, was ihnen wichtig ist.
  • Keine Subventionen: Jede Prämienverbilligung ist nichts anderes als Sozialismus mit anderem Etikett.
  • Echter Wettbewerb: Nur dort, wo der Kunde auch wegkann, muss der Anbieter Kosten senken und Leistungen verbessern.
  • Eigenverantwortung: Wer mehr Sicherheit will, zahlt mehr. Wer spart, profitiert.

So lange wir in einer staatlich regulierten Zwangs-Einheitskasse sitzen, wiederholt sich das Spiel jedes Jahr: steigende Prämien, neue Versprechen, keine Besserung. Wie im Film mit dem Murmeltier – nur dass bei uns kein Happy End in Sicht ist.

11 Comments

  1. Der Artikel bringt die Problematik im Gesundheitssystem sehr schön auf den Punkt. Sämtliche Anreize, Kosten zu sparen (aka Wettbewerb) wurden ausgeschaltet. Dass wir vom KK-Obligatorium wieder wegkommen, ist leider utopisch, dafür profitieren zuviele involvierte Interessengruppen vom aktuellen System (insbesondere Ärzte und Bundesämter) und sind die Linken zu stark vertreten in der Politik.

    • Die Ärzte profitieren in diesem System nur bedingt, da durch all die Tarif- Abrechnungs- und Behandlungsvorgaben auch unter den Ärzten der Wettbewerb und somit die Qualität ausgeschaltet wird.
      Eine gute Beratung oder eine ärztliche Untersuchung wird von den Kassen standardisiert vorgegeben, zeitlich limitiert und durch fixe Tarife schlecht vergütet.
      Verschreibungen von Medikamenten oder die Durchführung von Untersuchungen werden, da durch Leitlinien des BAG unterstützt, in der Regel immer mit geringem Aufwand vergütet.
      Zeit bei einem Patienten zu investieren, um von einer Behandlung oder einer Untersuchung abzuraten, lohnt sich somit erstens nicht und kann einen Arzt auch rechtlich in Schwierigkeiten bringen.

      Die meisten Ärzte (ich bin selber Arzt) merken dies jedoch nicht, da sie von Beginn an in dieses System eingebettet sind, tendenziell eher sozialistisch ticken und oft auch sehr naiv sind.

      Was in dem Artikel noch fehlt ist der massive Einfluss der Pharmalobby, welche einen sehr guten Draht in die Politik hat. Dies ist aber ein Thema, dass den Rahmen hier sprengen würde.

  2. Alles richtig, aber unvollständig.
    Mit keinem Wort wird erwähnt, dass Zehntausende von Zuwanderern und Asylsuchenden das Gesundheitssystem belasten, in das sie NIE etwas eingezahlt haben. Der Tourismus in die schweizerische medizinische Gratisversorgung belastet die Prämienzahler zusätzlich. Dieser Anreiz, der bewusst ausgenützt wird, sich in der Schweiz auf höchstem Standard medizinisch betreuen zu lassen muss abgeschafft werden. Er verursacht Millionenkosten und ruft nach zusätzlichem Personal – ein Teufelskreis.

    • Sehe ich auch so – danke für diesen Punkt.
      Aber natürlich bin ich begeistert von allen anderen Punkten, die Dennis im Artikel aufgebracht hat.
      Und entsetzt, wenn man sich diese Missstände wieder mal vor Augen führt.

      Wer hätte gedacht, dass man der Sozialistin Ruth Dreyfuss nicht hätte auf den Leim gehen sollen?! 🙂

      • Ich erinnere mich an eine Arena-Sendung auf – damals – TV DRS. Da wurde BR Ruth Dreifuss vom Direktor der Eidg. Gesundheitskasse, der ironischerweise Barfuss hiess, klar widersprochen: Er hat mit überzeugenden Fakten aufgezeigt, dass nicht, wie dem Stimmvolk von Dreifuss vorgegaukelt, die Prämien stabilisiert oder gar sinken, sondern bei de Annahme der Vorlage (KK-Obligatorium für alle) steigen würden. Es war DAMALS schon klar, dass die Vorlage der Sozialistin Dreifuss im Gesundheitssystem zu massiven Mehrkosten führen musste. So ist es auch gekommen und etwas anderes war gar nicht zu erhoffen. Dumm gelaufen, dass der ach so netten Ruth Dreifuss am 4. Dez. 1994 51,8% (!!) der Abstimmenden auf den Leim gegangen sind.

  3. Ja, die damalige Abstimmung wurde aufgrund einer fatalen Fehlinformation gewonnen. Nur: der skizzierte Rückzug aus dem Fehlsystem ist utopisch, und es fehlt auch der Hinweis auf die Tatsache, dass Steuergelder nicht nur in die Prämienverbilligung fliessen, sondern auch via Subventionen, von denen auch die Reichsten profitieren in die kantonalen Spitäler». Eine Aufhebung des Obligatoriums ist utopisch. Gangbar wäre ein Weg, bei dem die Gesundheitspolitik von der Sozialpolitik völlig abgekoppelt wird, und für den nachweisbar finanziell überforderten Teil der Bevölkerung (ca 10 Prozent) gegen Bedürftigkeitsnachweis eine «Auffangbecken» mit zureichenden Leistungen im Krankheitsfall (ohne Luxus) garantiert würde.
    Der Sozialstaat würde vom unbezahlbaren Fehlkonzept «alles – und immer mehr – für alle» auf das Konzept: «Die Schwächsten (gegen Bedürftigkeitsnachweis) nicht im Stich lassen» reduziert.

    k

  4. Das Obligatorium bedeutet ein Zwang für beide Seiten: Der Bürger muss eine Krankenversicherung abschliessen, die Krankenkasse muss den Antragssteller aufnehmen. Eine Aufhebung des Obligatoriums, würde nicht nur den Zwang zum Versicherungsabschluss aufheben, sondern auch die Aufnahmepflicht der Krankenkasse.

    Dieser zweite Punkt wird leider zu wenig beachtet und ich vermute, dass viele genau davor Angst haben: im fortgeschrittenen Alter keine bezahlbare Krankenkasse mehr erhalten zu können. Wenn es nicht gelingt diesen Ängsten argumentativ überzeugend zu begegnen, werden die Abschaffungsinitiativen zum vorneherein chancenlos sein.

    • Die Versicherer werden die Prämien bei fortgeschrittenem Alter stark erhöhen (+800% und mehr). Wie möchtest du diese Aengste überwinden? Welche Lösungen siehst du da?

  5. Mir fehlen noch zwei Punkte, die gerne ergänzen würde:

    1. Underwriting
    Aus meiner Sicht sollte in einem liberalen Gesundheitsmarkt jede Versicherung ein minimimales Grundpaket anbieten, welches auch ohne Gesundheitsprüfung alle Versicherten akzeptiert. Dies würde ein Grundversorgung sichern. Der Leistungskatalog müsste sich auf die wirklichen Gesundheits-Risiken beschränken, welche teuer sind.
    2. Spitäler
    Die Kantone müssen sich zwingend aus der Gesundheitsversorgung verabschieden: Spitäler, Reha-Kliniken etc. verkaufen.

    Das funktioniert. Im asiatischen Raum gibt es dazu Beispiele.

    Beste Grüsse, Daniel

  6. Dem Artikel stimme ich natürlich grundsätzlich zu. Aber hier wird ein wichtiger Punkt weggelassen: Der Wettbewerb unter den Kassen führt zu den Modellen und tiefen Verwaltungskosten. Eine Einheitskasse hätte die staatlichen Verwaltungskosten und Modelle gäbe es ebenfalls nicht. Es wäre also noch einmal schlimmer. Und nicht vergessen, dass die SP schon den nächsten Schritt der einkommensabhängigen Prämie forciert.

  7. Dem Artikel stimme ich natürlich grundsätzlich zu. Aber hier wird ein wichtiger Punkt weggelassen: Der Wettbewerb unter den Kassen führt zu den Modellen und tiefen Verwaltungskosten. Eine Einheitskasse hätte die staatlichen Verwaltungskosten und Modelle gäbe es ebenfalls nicht. Es wäre also noch einmal schlimmer. Und nicht vergessen, dass die SP schon den nächsten Schritt der einkommensabhängigen Prämie forciert.

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